Interview mit Thomas Krämer

Prokurist und Betriebsleiter, Vestische Straßenbahnen GmbH

Im Überblick: Vestische Straßenbahnen GmbH

• Unternehmensgründung: 1901

• Unternehmenssitz: Herten (Westfalen)

• Standorte: Herten, Bottrop

• Fuhrpark (Flottenzusammensetzung + Größe): 224 Linienbusse, darunter Gelenkbusse (18 Meter) und Solo-Busse (12 Meter)

• Mitarbeiterzahl: knapp 1.000

• Schwerpunkt des Geschäfts: Verkehrsdienstleistungen

www.vestische.de


Deutschland nimmt weltweit eine Spitzenposition in der Logistik ein. Bei dem wichtigen Zukunftstrend „Digitalisierung“ hingegen hinke der Branchenprimus hinterher, so die Meinung von Experten. Mit einem Blick auf die Branche deutschlandweit – können Sie diesen Eindruck bestätigen?
Digitalisierung ist ein wichtiges Thema. Da hinkt Deutschland im weltweiten Vergleich hinterher. Insgesamt geben beim Thema Digitalisierung Japan und China den Ton an.

Für wie bedeutsam halten Sie das Thema „Digitalisierung im Transportwesen“ heute? Wie bedeutsam wird es in zehn Jahren sein?
Selbstverständlich wird die Digitalisierung für unsere Branche immer wichtiger. Da geht es u.a. um das Thema Prozesssicherheit, ein anderes großes Spannungsfeld ist eine rechtssichere Dokumentation.

Viele Prozesse werden digitalisiert – es gibt etwa einen vorgedruckten Arbeitsauftrag für den Werkstatttechniker. Wenn er die Arbeitsergebnisse in das System eingibt, erscheinen diese wiederum in der Wagenakte. Kurzum: Es gibt kein Handling ohne einen Auftrag im System.

Ein anderer wichtiger Bereich ist die Schnittstelle zum Kunden. In Zukunft sehe ich hier insbesondere in Schwachverkehrszeiten keinen starren Fahrplan mehr, sondern Angebote wie door-to-door-Verkehre on demand, Streckenketten oder Kombiverkehre.
Trotzdem gibt es in unserer Branche neben der Digitalisierung auch andere Probleme, die gelöst werden müssen, etwa in den Bereichen Fahrzeugtechnik und der bilateralen Abstimmung der Verkehrsträger im Rahmen der Nahverkehrspläne.

Aus meiner Sicht ist die Digitalisierung eine Art Medienliebling geworden. Alles ist heutzutage 4.0, dabei haben wir in manchen Bereichen noch nicht einmal die 2.0 erreicht. Eine Analogie aus der Politik: Alle reden über Trump, andere Themen mit hoher Dringlichkeit werden ignoriert. So ist es auch mit dem scheinbar alles überragenden Thema Digitalisierung in unserer Branche.

Welche drei Tipps würde Sie Transport-Unternehmen auf dem Weg zur Digitalisierung geben? Welche Fehler sollten vermieden werden?

  • Man sollte nicht sofort auf jeden Zug aufspringen
  • Unternehmen sollten in Ruhe prüfen, welchen Mehrwert die Systeme für ihre Prozesse tatsächlich bringen
  • Systeme müssen in die ganze Struktur des Unternehmens eingebettet werden. Wofür es früher Solitär-Lösungen gab, werden Systeme nun integriert. Hierfür müssen die Hersteller die Schnittstellen-Thematik lösen

Welche anderen Branchentrends sind aus Ihrer Sicht zukunftsrelevant für die Transportindustrie?
Andere zukunftsrelevante Trends hängen auch mit der Digitalisierung zusammen, etwa autonomes Fahren. Hierfür werden alle Informationen aus den Fahrzeug bezogenen Systemen gebraucht. Auch Car Sharing kommt damit einen Schritt weiter, denn die Fahrzeuge können autonom wieder zum Sammelpunkt zurückfahren. Anbieter können so mit weniger Fahrzeugen effektivere Verkehre durchführen.

Bei der Diskussion ist natürlich elementar, zu klären, wer die Datenhoheit hat. Meine Meinung hierzu ist: Es sind unsere Fahrzeuge, mit denen die Daten erhoben werden. Die Datenhoheit muss somit beim Eigentümer der Fahrzeuge liegen!

Was sind aus Ihrer Sicht die großen Digitalisierungs-Trends in der Transportbranche?
Für ÖPNV-Betriebe ist ein großer Trend, das heute Informationen zur Betriebslage nach außen gegeben werden. Früher gab es Soll-Fahrpläne, heute kann über ITCS (Inter Traffic Control System) die Verfügbarkeit aller Fahrzeuge online abgerufen werden. Sie sind für jeden Fahrgast einsehbar. Damit ist die gesamte Betriebslage transparent.

Ähnlich ist es bei Speditionen: Nicht nur der Spediteur weiß, wo das Fahrzeug ist, auch der Kunde ist informiert und weiß, wann die Sendung zugestellt wird.

Welchen Stellenwert hat die Digitalisierung in Ihrem Unternehmen und / oder Fuhrpark? Welche Maßnahmen haben Sie ergriffen bzw. planen Sie für die nahe Zukunft?
Wir digitalisieren vor allem die Prozesse an der Schnittstelle zum Kunden, etwa die Kommunikation mit Kunden bei Störungen bezogen auf den Fuhrpark. Darüber hinaus Prozesse im Werkstattbereich. Hierfür nutzen wir die Möglichkeiten der On-Board-Diagnose bezogen auf Fahrzeugdaten, um eine Störung an einem Bus zu identifizieren. Auf Grundlage dieser Daten können wir auch energetische und ökologische Verbesserungen erzielen.

Welche Rolle spielen Logistik-Start-ups aus Ihrer Sicht bei der Digitalisierung der Logistik in Deutschland (ggf. für AU und CH anpassen) im Allgemeinen, und für Ihr Unternehmen im speziellen? Sind Sie eher Helfer oder Konkurrenz der etablierten Unternehmen?
Eine wichtige Rolle. Sie sind oft Querdenker mit Lückenlösungen am Markt, die bestimmte Funktionalitäten sicherstellen.

Haben Sie bereits mit einem Logistik-Start-up zusammengearbeitet? Wenn ja, in welchem Kontext und welchen Erfolgen? Planen Sie eine Zusammenarbeit in der nahen Zukunft?
Wir nutzen das RDKS von Goodyear Proactive Solutions. In den globalen Konzern ist ein Tech-Start-up zur Entwicklung des neuen Geschäftsbereichs integriert worden.

Seit einem guten halben Jahr läuft eine Testanwendung mit dem RDKS. Das System übermittelt uns realitätsnahe Informationen, sodass wir eine bessere Übersicht über die Fahrzeugflotte haben. Wir möchten mit der neu gewonnenen Transparenz die Reifenlebensdauer verlängern und den Reifenverschleiß senken, um weniger in Neureifen investieren zu müssen. Dabei geht es auch um Ressourcenschonung und Nachhaltigkeit.

Wie sieht eine digitalisierte Logistik in zwei, fünf und zehn Jahren aus? Wie wird dann das Verhältnis zwischen etablierten Unternehmen und Logistik-Start-ups sein?
Ich gehe davon aus, dass es in Zukunft noch individualisiertere Angebote für Kunden geben wird.

Zum Fahrzeug selbst werden noch mehr Informationen verfügbar sein, die wir für die Instandhaltung nutzen können. Damit reduzieren sich die Störungen im Fahrablauf für den Fahrgast.

Wir werden proaktive informiert werden und können eine Situationsbeurteilung vornehmen – bekommen etwa einen Warnhinweis, wenn der zulässige Temperaturbereich im Getriebe überschritten wird.

Die Reports sind keine Datenfriedhöfe, sondern bewertete Informationen. Aus Big Data wird Smart Data. Dabei sind wir kein Mitarbeiter freies Verkehrsunternehmen, wo alles voll automatisiert läuft, denn unsere Mitarbeiter müssen die Informationen zur Kenntnis nehmen, analysieren und dann die richtigen Handlungen daraus ableiten.

Dabei findet der Systemwechsel in mehreren Etappen statt. Gerade die Übergangsphase zwischen dem manuellem und einem vollautomatisierten Betrieb ist spannend.

Vielen Dank für das Gespräch!

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