Interview mit Felix Wiegand

CEO, pamyra.de, LEIPZIG, Deutschland

Im Überblick: PAMYRA GmbH

• Unternehmensgründung: 2016

• Unternehmenssitz: Leipzig

• Standorte: Leipzig, Erfurt

• Mitarbeiter: 8

• Schwerpunkte des Geschäfts: Transportvermittlung

www.pamyra.de


Deutschland nimmt weltweit eine Spitzenposition in der Logistik ein. Bei dem wichtigen Zukunftstrend „Digitalisierung“ hingegen hinke der Branchenprimus hinterher, so die Meinung von Experten. Mit einem Blick auf die Branche deutschlandweit – können Sie diesen Eindruck bestätigen?
Ja und nein. Weite Teile der Logistik in Deutschland sind bereits digitalisiert, etwa die Bereiche Automotive und Lebensmittellogistik. In anderen Bereichen gibt es definitiv Nachholbedarf.

Führen Sie sich vor Augen: Es ist einfacher, eine Preisübersicht für eine Airbnb-Wohnung auf den Malediven zu bekommen als für einen simplen Standardtransport durch Deutschland! Auch im Bereich Track & Trace sehe ich Nachholbedarf. Diese Angebotslücke wird allerdings zeitnah geschlossen werden.

Wir bei pamyra.de hatten bereits vor drei Jahren die Vision, Transporte auf freie Ressourcen bei Speditionen zu vermitteln und eine Art „Mitfahrgelegenheit für Paletten“ anzubieten. Konnten das aber nicht umsetzen, weil viele Speditionen gar nicht wissen, was wann bei ihnen frei ist. Die Tourdaten von Subunternehmen sind in viele System gar nicht eingespeist. Hier müssen die Speditionen mit Hilfe von Telematiklösungen unbedingt nachziehen.

Für wie bedeutsam halten Sie das Thema „Digitalisierung im Transportwesen“ heute? Wie bedeutsam wird es in zehn Jahren sein?
Zehn Jahre sind eine unglaublich große Zeitspanne… Im Vergleich zu anderen Branchen steht die Logistik in Sachen Digitalisierung in vielen Bereichen mit Sicherheit noch am Anfang. Ich denke man sieht aber am steigenden Interesse auf allen Seiten, dass das Thema zunehmend an Bedeutung gewinnen wird.

Ich erwarte große Veränderungen, vor allem bei der Vernetzung der einzelnen „Gewerke“ und an der Schnittstelle zum Kunden. Meine Einschätzung: In zehn Jahren werden wir über Digitalisierung im Transportwesen genauso wenig und dann auch unaufgeregt sprechen wie heute über die Digitalisierung im Handel – weil es dann längst zum Alltag gehört.

Auch die zunehmende Transparenz in der Logistik gewinnt Stück für Stück an Akzeptanz, etwa ein Preis-Leistungs-Vergleich.

Welche drei Tipps würde Sie Transport-Unternehmen auf dem Weg zur Digitalisierung geben? Welche Fehler sollten vermieden werden?
Der größte Fehler des Mittelstandes ist es, dem Trend mit Skepsis und Angst zu begegnen. Das ist kontraproduktiv. Allerdings hat sich in den letzten Jahren das „Mindset“ der Unternehmen geändert – man hat verstanden, dass man mit der Zeit gehen muss.

Aus meiner Sicht sollten Transportunternehmen

  • dem Trend mit Interesse und offenen Augen begegnen, denn er wird Dinge verändern
  • prüfen, an welchen Stellen die Digitalisierung ihnen neue Möglichkeiten bietet. In einem sich digitalisierenden Markt verändern sich oft Kundenanforderungen und auch Wertschöpfungsketten
  • vor allem sollten sie ihre schwer oder gar nicht digitalisierbaren Prozesse – etwa den Transport selbst – zur Exzellenz führen. Denn mehr Transparenz verschärft den Wettbewerb. Da brauchen Transportunternehmen eine klare Positionierung am Markt. Man darf auf keinen Fall austauschbar werden. Belohnt werden am Ende diejenigen, die eine gute Leistung zu einem akzeptablen Preis anbieten. Es wird nicht zwangsläufig der billigste Transport gebucht

Welche anderen Branchentrends sind aus Ihrer Sicht zukunftsrelevant für die Transportindustrie?
Ich denke, die wesentlichen Trends lassen sich schon aus der Digitalisierung ableiten: sei es mehr Online-Handel, mehr Bestellungen aus China oder die eben angesprochene
Markttransparenz, die wir so in der Transportbranche bislang nicht kennen, anders als zum Beispiel im e-commerce oder der Reiseindustrie. In anderen Branchen ist diese Markttransparenz schon gang und gebe.

Weitere Themen sind der Fahrermangel und regulatorische Fragen, die ggf. große Auswirkungen auf die Branche haben. Auch Künstliche Intelligenz und Big Data sind
Hot Topics. Auch diesen Themen sollten Transporteure nicht mit Angst, sondern mit offenen Augen begegnen. Die Frage ist: Wie kann man auch hier für alle Beteiligten Werte schaffen?

Eine Technologie der Zukunft ist außerdem „Blockchain“, eine Art dezentrales Server-System, auf dem Daten mehrfach abgelegt werden. Diese Daten können dann nahezu nicht mehr manipuliert werden. Ein Riesenschritt in Richtung Datenintegrität, und damit eine hervorragende Technologie für „Vertrauenslose Transkationen“ („trustless transactions“), also Transaktionen, bei denen man das handelnde Gegenüber nicht mehr kennen muss (im Transportwesen Versender und Empfänger).

Bitte beschreiben Sie kurz Ihr Geschäftsmodell. Was ist der Hintergrund (auch am Markt) Ihrer Unternehmensgründung?
Wir haben das Konzept von „booking.com“ in die Speditionsbranche gebracht.

Pamyra.de ist eine Vergleichs- und Buchungsplattform für Speditionstransporte. Wir bedienen einen zweiseitigen Markt: Wir bringen private, und kleine bis mittelgroße gewerbliche Versender mit dem passenden Spediteur zusammen. Und das so, dass auf beiden Seiten deutlich weniger Arbeit anfällt, da die Buchung direkt und ohne weitere Interaktion über unsere Vergleichsplattform zustande kommt. Dafür nehmen wir eine Vermittlungsprovision.

Wie wird Ihr Angebot vom Markt angenommen?
Ganz hervorragend! Zugegeben nach anfänglichem Zögern auf der Speditionsseite.

Der Nutzen auf der Kundenseite ist klar: ein Dutzend Angebote für eine Transportanfrage innerhalb von 30 Sekunden mit der Möglichkeit, direkt durchzubuchen – einfacher geht’s nicht! Und oft übrigens auch nicht günstiger, da Kunden genau die Leistungen auswählen können, die sie brauchen.

Auf Speditionsseite gab es zunächst Vorbehalte gegen die Preistransparenz, die wir herstellen. Inzwischen haben aber die meisten Speditionen verstanden, dass die Transparenz sowieso kommt und schätzen pamyra.de als autarken Vertriebskanal, der ihnen ohne zusätzlichen Aufwand on top Aufträge generiert und ihnen oft auch erheblich Arbeit bei der Angebotserstellung spart.

Ein Mittelständler zum Beispiel erhält zwischen 30 und 50 Preisanfragen pro Tag – die müssen erst einmal beantwortet werden… Dabei wird im Schnitt nur eins von zehn Angeboten auch zu einem Auftrag, und das oft mit geringem Warenwert.

Gibt es bereits Kooperationen mit etablierten Logistikunternehmen? Wie sind Ihre Erfahrungen? Falls nein: Halten Sie Kooperationen für sinnvoll und wie planen Sie vorzugehen?
Kooperationen sind essentiell, etwa die Logistiknetzwerke der Bundesländer (SVG, DSLV, ILN, PLA). Auch mit mittelständischen Unternehmen wie Zufall und andere, die von Anfang an unser Produkt mitgestaltet haben. Auch relevante Branchenkontakte sind unabdingbar, etwa ein Austausch über den „Club of Logistics“.

Wichtig ist es, dass das Kundenwohl (also der Versender) stets im Mittelpunkt steht und die Partner bereit sind, wirklich neue Wege mit uns beschreiten.

Was sind die besonderen Herausforderungen für Sie als Start-up im Logistikbereich?
Der Fahrer- und Laderaum-Mangel steht uns im Weg. Ebenso die Fragmentierung aller Bereiche, softwareseitig etwa die verschiedenen Telematiksysteme.

Außerdem müssen wir mit weniger Budget die Dinge besonders gut machen, denn wir haben keinen Konzern im Rücken. Wir arbeiten auch noch an unserer medialen Sichtbarkeit, denn wir können uns es nicht leisten, uns über z.B. Adwords „nach vorne“ zu kaufen.

Bei uns sind auch keine strategischen Investoren an Bord, denn wir wollen unsere Unabhängigkeit bewahren.

Welche Vorteile genießen Sie als Start-up gegenüber den etablierten Unternehmen am Markt?
Start-ups sind agile, temporäre Organisationen auf der Suche nach einem skalierbaren
Geschäftsmodell. Dabei muss die Ausrichtung des Geschäftsmodells ggf. schnell geändert werden können. Strategiemeetings sind bei uns auf der Tagesordnung. Wir müssen immer wieder einen Schritt zurückgehehen können und prüfen: Gehen wir in die richtige Richtung? Kurzum: Wir sind also kein Fan von Business Plänen!

Viele Prozesse, etwa Abrechnungsprozesse oder Customer Management, können wir mit neuen Technologien besser aufsetzen. Dabei haben wir eine hohe Fehlertoleranz. Da wir allerdings über ein begrenztes Budget verfügen, haben wir nicht unendlich viele Versuche, um zum Ziel zu kommen.

Last not least: Start-ups sind zu Zeit sehr „sexy“ – das hilft natürlich dabei, seine
Idee medial zu platzieren.

Wo stehen Sie in fünf Jahren / in zehn Jahren?
Wir denken fast nur in Wochen… Ein Monat ist bei uns schon viel Zeit!

In fünf Jahren sind wir Marktführer in unserer Nische. Bei Google erhalten wir Top Platzierungen auf die relevanten Anfragen. Unser Cashflow ist positiv. Endverbraucher vergeuden keine unnütze Zeit mehr zum Einholen von Angeboten. Schließlich gilt das Transportwesen als das zweitälteste Gewerbe der Welt!

Auch volkswirtschaftlich gesehen macht das Sinn – es ist enorm, wie viel Zeit beim Einholen von Angeboten über die Wupper geht…

Wie sieht eine digitalisierte Logistik in zwei, fünf und zehn Jahren aus? Wie wird dann das Verhältnis zwischen etablierten Unternehmen und Logistik-Start-ups sein?
In zwei Jahren: Heutige Start-up-Plattformen sind etabliert und im Tagesgeschäft der Industrie eingezogen.

In fünf Jahren: Ich weiß es nicht! Was ich aber weiß ist, dass wir es gemeinsam gestalten können. In den nächsten fünf Jahren wird auf jeden Fall mehr passieren als in den letzten fünf Jahren!

Vor zwei Jahre hatten wir Probleme, Speditionen überhaupt davon zu überzeugen, dass Preistransparenz sinnvoll ist. Nach zwei Jahren haben wir diese Diskussion nun nicht mehr! Es tut sich also viel im „Mindset“ der Transportunternehmen.

Vielen Dank für das Gespräch!

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