Interview mit Dr. André Weisz

Managing Director Goodyear Proactive Solutions und CEO Ventech Systems, Goodyear Dunlop Tires Operations SA

Im Überblick: Goodyear

• Unternehmensgründung: 1898

• Unternehmenssitz: Akron, Ohio

• Standorte: : 48 Standorten in 22 Ländern

• Mitarbeiter: rund 64.000

• Schwerpunkte des Geschäfts: Entwicklung und Produktion von Reifen und Dienstleistungen

www.goodyear.eu,
proactive.goodyear.com


Deutschland nimmt weltweit eine Spitzenposition in der Logistik ein. Bei dem wichtigen Zukunftstrend „Digitalisierung“ hingegen hinke der Branchenprimus hinterher, so die Meinung von Experten. Mit einem Blick auf die Branche deutschlandweit – können Sie diesen Eindruck bestätigen?
Das stimmt, aber die deutschen Unternehmen sind derzeit auf einer extrem schnellen Aufholjagd. Der Grund hierfür ist, dass Optimierung in Logistik immer ein freiwilliges Thema war. Aufgrund der guten Wirtschaft hatte die Kapazitätsausweitung immer Vorrang vor einer Effizienzerhöhung.

Zum Vergleich: Die Durchdringung von Telematik in brasilianischen Nutzfahrzeugflotten ist viel höher als in Deutschland. Grund hierfür war die Notwendigkeit, Ladungsdiebstahl zu verhindern. Dies führte dazu, dass Unternehmen ohne spezifische Sicherheits-Telematik keine Versicherungsdeckung für ihre Transporte erhielten und dadurch auch keine Aufträge mehr. Heutzutage liegt die Telematikdurchdringung dort in neuen Fernverkehrsfahrzeugen bei über 90 Prozent!

Für wie bedeutsam halten Sie das Thema „Digitalisierung im Transportwesen“ heute? Wie bedeutsam wird es in zehn Jahren sein?
Die Digitalisierung ist ein Branchentrend, an dem kein Transportunternehmen vorbeikommen wird. Der Grund hierfür ist schlichtweg die Notwendigkeit, alle Effizienzpotentiale im Unternehmen zu heben.

Intelligente Systeme mit prädiktiven Funktionen können schon heute Liegenbleiber, die durch Reifenprobleme verursacht sind, in mehr als 90 Prozent der Fälle im Vorhinein verhindern. Firmen, die nicht auf solche Technologien zurückgreifen, werden schlichtweg zu teuer und nicht ausreichend verlässlich sein.

Welche drei Tipps würden Sie Transport-Unternehmen auf dem Weg zur Digitalisierung geben? Welche Fehler sollten vermieden werden?
1. Verstehen Sie Ihre Probleme und bewerten Sie Ihre Fähigkeiten, damit umzugehen.

2. Suchen Sie sich den richtigen Partner, der nicht nur sein Produkt bzw. seine Lösung verkaufen will, sondern Ihre Themen im Auge hat und Ihre Probleme lösen kann.

3. Suchen Sie nicht nur nach einer Technologie oder einem Telematikangebot, sondern achten Sie darauf, dass Ihr Provider mit den Daten einen Mehrwert generiert, den Sie selber nicht generieren können. Ein Bericht, der nur mit Daten vollgespickt ist, hilft Ihnen nicht weiter. Ihr Partner sollte gemeinsam mit Ihnen vor Ort und am Fahrzeug die Probleme beheben können. 

Welche anderen Branchentrends sind aus Ihrer Sicht zukunftsrelevant für die Transportindustrie?
Genau wie der Pkw-Bereich wird auch die Welt der Nutzfahrzeuge zu einem Teil des Internets der Dinge werden. Mit immer neuen Konnektivitätslösungen werden immer mehr Komponenten aus der Logistik digital vernetzt sein und kommunizieren können.

Welche Rolle spielen Logistik-Start-ups aus Ihrer Sicht bei der Digitalisierung der Logistik? Sind Sie eher Helfer oder Konkurrenz der etablierten Unternehmen?
Diese Start-ups sind extrem wichtig. Sie setzen sich über traditionelle Gedankengänge und Lösungsansätze hinweg und sind dadurch in der Lage, oft erstaunliche und effiziente Lösungen zu entwickeln.

Oft haben Start-ups aber nicht die notwendige Stärke und Kontakte zu Kunden, sodass eine Zusammenarbeit mit globalen Playern zum richtigen Zeitpunkt große Vorteile für beide Unternehmen bringen kann.

Haben Sie bereits mit einem Logistik-Start-up zusammengearbeitet? Wenn ja, in welchem Kontext und welchen Erfolgen?
Ende letzten Jahres hat Goodyear die Akquisition von der Ventech Systems GmbH erfolgreich abgeschlossen. Das Team von Goodyear Proactive Solutions hatte bereits drei Jahre eng mit dem in Deutschland ansässigen Start-up-Unternehmen zusammengearbeitet.

Ventech ist führend in der automatisierten Reifenprüftechnik und bietet ein vollautomatisiertes „Drive-over-Reader“-Pad. Das ist eine beeindruckende Technologie, die relevante Reifeninformationen wie zum Beispiel Reifendruck und Profiltiefe misst. Diese Kompetenz in unser Unternehmen zu holen, hilft uns dabei, auch in Zukunft unsere Technologieführerschaft am Markt zu behaupten.

Das Start-up wiederum profitiert von der Marktstärke und den Strukturen eines Global Players und erhält Zugang zu Goodyears Kundenstamm.

So können wir unseren Kunden in Zukunft nicht nur die besten Reifen oder Dienstleistungen anbieten, sondern eine optimale Kombination von beidem, was ganz neue Möglichkeiten eröffnet.

Wie sieht eine digitalisierte Logistik in zwei, fünf und zehn Jahren aus? Wie wird dann das Verhältnis zwischen etablierten Unternehmen und Logistik-Start-ups sein?
Nur markenübergreifende Systeme werden sich langfristig am Markt durchsetzen können. Dabei muss die Telematik der Zukunft in die komplette Logistikkette integriert sein, sodass alle Mitarbeiter nur noch mit einem System arbeiten.

Logistik-Start-ups werden auf diesem Weg wichtige Impulse geben und Lösungen entwickeln.

Vielen Dank für das Gespräch!

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