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DIE SECHSTE AKTION, JUNI 2017: DIE LETZTE MEILE

Das Zukunftsforum „Driving Ahead“, der etablierte Experten-Talk des internationalen Reifenherstellers Goodyear, geht in die nächste Runde. Im Logistikzentrum Philippsburg trafen sich jüngst Akteure der Zusteller- und Transportbranche, um aktuelle Herausforderungen sowie Lösungsansätze für die Logistik auf der „letzten Meile“, dem letzten Zustellungsschritt an den Kunden, zu diskutieren. „Erst hier, auf dem allerletzten Schritt einer langen Lieferkette, entscheidet sich, wie der Kunde die gesamte Dienstleistung wahrnimmt“, hebt Bettina Feldmann, Cluster Distribution Manager D-A-CH bei Goodyear, die Bedeutung des Themas hervor. „Für unser Logistikzentrum heißt das: Der Erfolg der kompletten Reifendistribution hängt von der letzten Meile ab“, bringt es die Expertin auf den Punkt. Diskutiert haben die Teilnehmer am Roundtable über das Image und die Rolle des Fahrers und seine Weiterentwicklung hin zu einem „Last-Mile-Manager“, über clevere Fahrzeugkonzepte wie Mitnahmestapler, neue Logistikansätze zur Entlastung der Innenstädte und den Einfluss disruptiver Technologien auf die Logistik der Zukunft.


Den Zielkonflikt erkennen, das Fahrerimage entlasten
Der Ruf der Fahrer und Zusteller, die die Ware an private oder gewerbliche Kunden ausliefern, sei verheerend, sind sich die Teilnehmer des Zukunftsforums einig. Dahinter stehe nicht immer eine mangelnde Qualifikation des Personals oder tatsächliches Fehlverhalten wie etwa ein nicht eingehaltenes Parkverbot. „Auf dem Rücken der Fahrer wird ein gesellschaftlicher Zielkonflikt ausgetragen“, resümiert Klaus Roeser, Geschäftsführer der Paul Schockemöhle Logistics GmbH & Co. KG. Die Spedition mit Sitz in Mühlen bei Oldenburg liefert unter anderem Bausätze für Gartenhäuser an Privathaushalte. Roeser weiß: Auf der einen Seite wächst der Anspruch des Kunden an die Transportdienstleistung enorm. „Die Bestellung soll umgehend geliefert werden, und zwar tiefgekühlt und bis zur Türschwelle“, spitzt er zu. Damit einhergehende Einschränkungen wie ein erhöhtes Verkehrsaufkommen, Lärm und Emissionen wolle aber niemand in Kauf nehmen. Transportunternehmen müssen daher mit immer mehr Restriktionen wie Fahrverboten und Umweltzonen umgehen. „Anstatt den Fahrer zum Sündenbock eines ungelösten Zielkonflikts zu machen, muss der Konflikt erkannt und öffentlich diskutiert werden. Dann können wir auch politisch die richtigen Weichen stellen“, fordert der Unternehmer.

Stärker differenzieren, gezielt Kompetenz aufbauen
Schließlich spielt der Fahrer auf der letzten Meile, dem Nadelöhr zum Kunden, die entscheidende Rolle. „Der Zusteller ist die einzige direkte Schnittstelle zum Empfänger“, bringt es Sebastian Haßler, Geschäftsführer des Paketdienstes INTERKEP GmbH, auf den Punkt. Laut Haßler wird sich das Transportvolumen für die KEP-Dienste auf der letzten Meile in den nächsten zehn Jahren verdoppeln. Er hält den Fachkräftemangel auch vor diesem Hintergrund für ein zentrales Zukunftsthema der Branche. „Um auch steigende Volumina weiterhin bewältigen zu können, müssen wir stärker differenzieren“, so der Lösungsansatz. Laut Haßler gilt es zu unterscheiden, für welche Transporte lediglich ein Fahrer gebraucht wird, und bei welchen Routen und Produkten man einen Fachmann einsetzen muss, der das Produkt kennt, mit dem Empfänger kommuniziert und gegebenenfalls auch eine Montageleistung erbringt. Auch Roeser weiß: Bei der Zustellung von Gartenhaus-Bausätzen hat der Fahrer weit mehr zu tun als nur zu liefern. Er muss sich den Erhalt der Ware bestätigen lassen und klären, wie vorzugehen ist, wenn er den Kunden nicht antrifft oder die Ware defekt ist. „Unsere Fahrer haben wir zu ‚Last-Mile-Managern‘ ausgebildet: gut geschulte, kommunikative und motivierte Mitarbeiter, die sowohl das Transportunternehmen und als auch den Hersteller der Gartenhäuser repräsentieren“, fasst es der Geschäftsführer von Schockemöhle zusammen.


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Einen „sexy Job“ bietet auch die sich rasant verändernde KEP-Branche, meint Sebastian Haßler von INTERKEP.

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Im Kontext der letzten Meile fordert Klaus Roeser von Schockemöhle eine öffentliche Diskussion zum Zielkonflikt zwischen Kundenansprüchen auf der einen Seite und den damit einhergehenden Einschränkungen auf der anderen Seite.


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Michael Mlynarczyk von MKK Frachtdienste prangert an, dass die Branche zu wenig in die Menschen investiert und das Geld stattdessen für zukunftsferne Ideen verbrät.

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Torsten Zimmermann von GHP kann mithilfe von Motorwagenstaplern seine Fahrzeuge flexibel konfigurieren.

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Wolfgang Schneckenreither von der gleichnamigen Spedition fordert den weiteren Ausbau von Güterverteilzentren in Österreich.

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Beim Zukunftsforum im Logistikzentrum Philippsburg vor Ort (von links nach rechts): Michael Mlynarczyk, Gesellschafter und Geschäftsführer der MMK Frachtdienste GmbH, Sebastian Haßler, Geschäftsführer der INTERKEP GmbH, Werner Bicker, Herausgeber und redaktioneller Gesamtleiter der ETM-Medien, Bettina Feldmann, Cluster Distribution Manager D-A-CH bei Goodyear und Klaus Roeser, Geschäftsführer der Paul Schockemöhle Logistics GmbH & Co. KG.

In Menschen investieren, nicht in Roboter
Die MMK Frachtdienste GmbH reagiert auf den Fachkräftemangel in der Branche mit einem neuen Geschäftsbereich. Michael Mlynarczyk, Gesellschafter und Geschäftsführer der Spedition, hat 2015 die „KEP-Task-Force“ ins Leben gerufen. Das Prinzip: Fahrer werden bundesweit in die Depots entsendet, wo Not am Mann ist – für viele Paketdienste die letzte Möglichkeit, ihr Sendungsvolumen zu bewältigen. Obwohl Mlynarczyk von der Situation profitiert, prangert er an, dass die Branche zu wenig in gutes Personal investiert. „Den Punkt des Fahrermangels haben wir längst überschritten“, so der Unternehmer. Anstatt Millionen Euro in zukunftsferne Zustell-Szenarien wie Drohnen oder Roboter zu pumpen, solle lieber in die Ausbildung und angemessene Entlohnung der Menschen investiert werden. „Es ist höchste Zeit für einen Perspektivwechsel: Wir müssen anfangen, darüber nachzudenken, wer das Auto fährt – anstatt zu erforschen, wie das Auto selbst fahren kann“, fordert der Unternehmer mit Vehemenz. Dabei gehe die Wertschätzung des Menschen mit der Wertschätzung der von ihm erbrachten Dienstleistung einher.

Clevere Fahrzeugkonzepte: Züge flexibel konfigurieren
Obwohl der Mensch beim Transport auf der letzten Meile eine entscheidende Rolle spielt, geht es nicht ohne die richtige Technik, sind sich die Teilnehmer am Roundtable einig. Hierzu zählen clevere Fahrzeugkonzepte, weiß Torsten Zimmermann, Vertriebsleiter der GHP Spedition-Lagerei GmbH mit Sitz im sächsischen Nossen. Das Unternehmen hat sich auf die Anlieferung von Dämmmaterialien für die Sanierung von Altbauten unter anderem in der Berliner Innenstadt spezialisiert. Auf dem letzten Zustellschritt zum Kunden – in diesem Fall auf der Baustelle – müssen die Fahrer vorbei an Gedächtniskirche, Gendarmenmarkt & Co mitten durch die City der deutschen Hauptstadt manövrieren. Um diesen schwierigen Transportweg nicht mit einem 40-Tonner zurücklegen zu müssen, entladen die Fahrer von GHP die Fahrzeuge mit sogenannten Motorwagenstaplern, die sie mit einem „Hook-on-System“ variabel am Zugfahrzeug oder auch am Anhänger anbringen können. In der Regel wird der Anhänger vor der Stadt abgekoppelt und der robuste, allradgetriebene Stapler direkt an den Motorwagen montiert. „So müssen die Fahrer nicht mit über 20 Meter langen Zügen durch die enge Innenstadt manövrieren, sondern steuern nur noch 12 Meter lange Fahrzeuge“, erklärt Zimmermann. Weitere Vorteile: Die Fahrer benötigen weniger Parkfläche für die Entladung und die Unfallgefahr verringert sich. Neben cleveren Fahrzeugkonzepten wünscht sich Zimmermann aber auch innovative Logistiklösungen. Hier sieht er die Kommunen in der Pflicht: „Um die Innenstädte zu entlasten, muss die Politik Konzepte zur Bündelung des Güterverkehrs schaffen. Zusteller könnten zum Beispiel die verschiedenen Baumaterialien zu einem zentralen Lager vor der Stadt bringen, vom dem aus die Baustelle mit allen Materialien in nur einer Lieferung bedient wird“, so der Lösungsansatz.

Innovative Logistikkonzepte – Güterverteilzentrum, City Depot und Microhub
Dass Warenströme noch stärker gebündelt werden, wünschen sich weitere Teilnehmer des Zukunftsforums. Für die internationale Spedition
Schneckenreither Ges. m.b.H. aus Österreich, die Pkw- und Lkw-Reifen zu Händlern transportiert, sind die unterschiedlichen Fahrverbote die größte Herausforderung. Wolfgang Schneckenreither, geschäftsführender Gesellschafter, verweist auf die deutsche Abgasplakette und die schon lang schwelende Diskussion um Fahrverbote auf der Inntalautobahn, der sogenannten Brennerroute. „Nur mit einer guten Infrastruktur kann man den Herausforderungen des zunehmenden Verkehrs begegnen“, meint der Experte für Reifendistribution, der hierfür die Politik in die Pflicht nimmt. Aus seiner Sicht werden vor allem Güterverteilzentren weiter an Bedeutung gewinnen. Waren, die mit unterschiedlichen Verkehrsträgern ankommen, werden dort gesammelt und gebündelt weiterverteilt. „Dies führt zu einer besseren Auslastung der Lkw und die Wirtschaftlichkeit und das Servicelevel der Transportdienstleistung steigen“, so Schneckenreither. Als Teil einer City-Logistik können sie auch die Innenstädte entlasten. In Österreich gibt es entsprechende Zentren bereits teilweise in Graz und Linz.
Auch der KEP-Experte Haßler setzt auf eine Bündelung der Warenströme, etwa im Bereich der Quartierlogistik. „Die Lieferungen der verschiedenen Paketdienste werden in einem City Depot gesammelt. Ein Zustelldienst bringt sie am Wunschtermin gebündelt zum Kunden“, erklärt er. Mit Hilfe einer App könne sich so ein kompletter Haushalt auch mit täglichen Einkäufen versorgen. Für seine Cargobike-Flotte verfolgt Haßler ein ähnliches Konzept: Kleine Zwischenlager, sogenannte Microhubs, werden von einem Transporter mit Sendungen versorgt. Die Cargobikes verteilen sie weiter.

Gemeinsam Lösungen finden, disruptive Technologien meistern
Um innovative Logistikideen zu einem Erfolg werden zu lassen, nimmt das Panel wiederum die Politik in die Pflicht: „Kommunen müssen Räume zur Verfügung stellen, die als Umschlagplatz dienen“, fordert Mlynarczyk. Für eine zukunftsfähige Logistik in unseren Innenstädten drängt der Spediteur darauf, dass Kommunen, der Handel und auch die Hersteller der auszuliefernden Produkte gemeinsam an Lösungen arbeiten. „Den Transportweg auf der letzten Meile zu meistern ist nicht nur die Aufgabe der Zusteller“, betont er mit Nachdruck.
Mit Blick auf die rasanten Veränderungen in der Branche, die nicht zuletzt von disruptiven Technologien wie dem 3D-Druck katalysiert werden, bemerkt Haßler abschließend: „Um einen sexy Job zu haben, muss ich heute nicht mehr bei Google oder Apple arbeiten!“ Wenn die sogenannte additive Fertigung von mehr Industrien und vielleichte auch einmal von Privathaushalten genutzt wird, werden dem Kunden künftig nicht mehr haptische Produkte geliefert, sondern Daten elektronisch übermittelt. Eine Zustellung auf der letzten Meile entfällt. Laut den Experten des jüngsten Zukunftsforums der Driving-Ahead-Reihe wird für den Erfolg der Transportbranche von morgen entscheidend sein, inwiefern sie sich auch dann noch als Mehrwertdienstleistung nutzbar machen kann.

Die kompletten Interviews mit allen fünf Teilnehmern des Experten-Talks finden Sie hier

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