Interview mit Jochen Wattaul

Geschäftsleitung, Anton Wattaul GesmbH, Pöchlarn, Österreich


Anton Wattaul GesmbH

• Unternehmensgründung: 1980 (mit weiter zurückreichender Historie; das Unternehmen wird in 4. Generation geführt)

• Unternehmenssitz: Pöchlarn, Österreich

• Mitarbeiter: 250

• Flottenzusammensetzung- und Größe: 74 Sattelzüge, 62 Motorwagen, 19 3-Achs Hängerzüge, 15 Transportbusse, 32 Subfrächter

• Schwerpunkt des Geschäfts: breite Ausrichtung jedoch keine Massentransporte u.a. in den Bereichen Stückgut, Komplett- & Teilladungen, Pakete & Expressgut, Lebensmittel sowie Frisch- & Kühllogistik; das Unternehmen erbringt insbesondere Zusatz-Dienstleistungen wie z.B. Regale einräumen oder bei der Verwaltung; zu 50 % wird für Speditionen, zu 50 % für eigene Kunden gearbeitet

• Homepage:www.wattaul.com

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Definition der wichtigsten Zukunftsthemen: Kraftstoffkosten, Fahrermangel, veränderte Kundenwünsche und die Auswirkungen von Regularien
Das sind natürlich die absoluten Dauerthemen, die man im Auge behalten muss. Die Frage ist nur: wie viel davon können wir aktiv beeinflussen?

Die Regularien sind nicht nachhaltig und haben negative finanzielle Auswirkungen
Regularien sind zwar nicht beeinflussbar, aber man muss sich immer wieder mit ihnen beschäftigen. Unterm Strich halten sie uns auf und bringen tun sie nichts. Was mich am meisten stört, ist, dass sie stets kurzfristig, das heißt alles andere als nachhaltig orientiert sind. Sie werden schnell erlassen und danach wird erst geschaut, welche Auswirkungen sie haben und dann wird nachgebessert. Das Problem ist: Die Auswirkungen betreffen uns. Oftmals natürlich negativ in finanzieller Hinsicht. Ich plädiere dafür, dass sich die freie Marktwirtschaft durchsetzt. Vollständige Einheitlichkeit in der EU ist doch ohnehin eine Illusion – wir haben nicht einmal eine einheitliche Steckdose. Das kann man sich wünschen aber da hat man keinen Einfluss darauf. Einen einheitlichen Marktzugang würden wir natürlich grundsätzlich begrüßen.

Kostensenkungsmaßnahmen setzen vor allem am Kraftstoff an
Wie bei meisten anderen Transporteuren auch nehmen die Kraftstoffkosten einen Anteil an den variablen Kosten von rund 30 Prozent ein, das ist ein nicht zu vernachlässigender Faktor. Wir setzen zur Kostensenkung beispielsweise auf Biodiesel, denn der ist im Einkauf günstiger. Bekanntermaßen ist er zwar im Verbrauch höher, aber wir wissen, wie man entsprechend sparsam damit fährt. Andernfalls würde das natürlich zu sinnlosen und kostspieligen Stehzeiten führen und sich nicht rechnen. Wir haben nun hauptsächlich Euro 6-Fahrzeuge im Einsatz. Alleine dieses Jahr haben wir 60 neu in Betrieb genommen. Mit Euro 6 hat sich bestimmt einiges beim Kraftstoffverbrauch getan, aber die konkreten Auswertungen müssen wir noch abwarten. Der Erfahrung nach hat sich bei den vorherigen Schritten bis hin zu Euro 5 bisher viel verbessert, aus diesem Grund sind wir auch bei Euro 6 optimistisch.

Hohe Anforderungen an Fahrer; starkes Wachstum macht zahlreiche Neueinstellungen nötig
Bei uns sind die Verhältnisse relativ speziell und deshalb haben wir einen sehr hohen Fahrerbedarf – von einem größeren Mangel würde ich aber aus unserer Sicht dennoch nicht sprechen. Erstens begrenzen unsere besonderen Anforderungen an die Fahrer durch die von uns angebotenen Zusatzleistungen die Auswählmöglichkeiten beim Personal. Zweitens haben wir in den vergangen Jahren ein so rasantes Wachstum erlebt – rund zehn Prozent jährlich – dass es viele Stellen neu zu besetzen galt. Jedes Jahr prüfen wir rund 60 potenzielle neue Fahrer und entscheiden uns am Ende für 20. Die Fahrer, die einmal fest bei uns arbeiten, die bleiben auch auf Dauer. Wir befinden uns also in der glücklichen Situation, konstante Kunden und konstante Fahrer vorweisen zu können. Was jedoch gilt, ist, dass wir kontinuierlich auf der Suche sind und daher auch einen recht hohen Aufwand in Sachen Arbeitgebermarketing betreiben. Wir schalten Radiowerbung, Zeitungsannoncen und pflegen einen Facebook-Auftritt. Wir setzen auf Mund-zu-Mund-Propaganda sowie Prämien für erfolgreiche Empfehlungen. In unserem Unternehmen schulen wir bestehende Mitarbeiter, in Zusammenarbeit mit qualifizierten Partnern, auf die laufenden Anforderungen der Transportbranche wie ADR, Ladungssicherung und ökonomische Fahrweise etc. Unsere Überlegungen reichen sogar so weit, dass wir eine eigene Fahrschule in Betracht ziehen. Schon jetzt unterstützen wir Führerscheinneulinge und kooperieren mit Fahrschulen.


Der Preis ist das Kundenkriterium Nummer Eins gewesen – Pläne mit neuen Anforderungen an die Transporteure in Sachen Digitalisierung schlummern in den Schubladen
Die letzten anderthalb Jahre waren vor allem vom Preis geprägt. Er war das Kundenkriterium Nummer Eins. Wir haben bei den Kundenwünschen ansonsten keine signifikanten Veränderungen festgestellt. Aber wir wissen: In der Schublade so manches Kunden schlummern Pläne mit neuen Anforderungen. Bislang hat man sich angesichts der unsicheren Wirtschaftsentwicklung zurückgehalten. Die Kunden wollten ihre Dienstleister nicht zusätzlich finanziell belasten. Zukünftig werden sie, soweit man das abschätzen kann, ein verstärktes Interesse an IT-gestützten Zusatzservices wie der Fahrzeugortung oder dem Scannen von Dienstleistungen wie Abteilungsbelieferungen, Reparaturmanagement und Rücksendeverwaltung haben. Im konkreten Fall der Medienbranche können derartige Services beispielsweise interessante Einblicke bei der Zeitungsverteilung bezüglich Wegstrecken und Mengenstrukturen liefern.

Österreich bietet ein weniger ausgeprägtes Innovationsumfeld als Deutschland
Deutschland bietet derzeit ein deutlich ausgeprägteres Innovationsumfeld als Österreich. Bei modernen Softwaretools, die neues Geschäft ermöglichen könnten, ist Österreich sogar meilenweit abgeschlagen. Die Regierung wartet immer bis Deutschland etwas unternimmt. Wir lassen uns davon jedoch nicht beirren und sind dennoch aktiv. Das haben wir sogar zu Krisenzeiten so gehandhabt und haben stets investiert.

Telematik-Potpourri verursacht Ineffizienzen und hohe Kosten – Einheitlichkeit zwingend erforderlich
Derzeit sind wir in Sachen Telematik mit einem bunten Potpourri an unterschiedlichen Systemen, unterschiedlicher Hard- und Software, die nicht miteinander kompatibel sind, aufgestellt. Wir verfügen alleine über zig Login-Daten jeweils. Die dadurch verursachte enorme Ineffizienz besteht darin, dass wir Daten nur mit riesigem Aufwand erheben und vergleichen können. Auf zehn Fahrzeuge kommen drei bis vier unterschiedliche Systeme. Und der Nutzen jedes einzelnen ist nur gering, wenn man keine Vergleichbarkeit herstellen kann und wenn es ständig Brüche gibt wie beispielsweise wenn ein Fahrer das Fahrzeug wechselt. Wir haben darüber mit den Herstellern und den Verantwortlichen gesprochen und die Erkenntnis ist: Wer Einheitlichkeit haben möchte, der begibt sich in die Abhängigkeit eines Herstellers. Bei unterschiedlichen Herstellern werden die Systeme nie einheitlich sein. Das betrifft insbesondere uns als historisch gewachsenen Betrieb, der überdies noch verschiedene Geschäftsschwerpunkte hat: Die Flotte wird immer durchgemischt sein. Hinzu kommen die von den Software-Programmen verursachten und teilweise nicht zu vernachlässigenden Kosten wie Lizenzen sowie Monats- und Transaktionsgebühren. Aus diesem Grund haben wir uns gesagt, dass wir dringend eine Vereinheitlichung benötigen und sind auf die Suche nach einem Partner gegangen, mit dem wir selbst eine Lösung entwickeln können. Bei der Firma plan.net Austria, Spezialist im Bereich Telematik 4.0 Anwendungen, Big Data Visualization und Usability Design, sind wir fündig geworden. Wichtig dabei ist, dass wir auch erkannt haben, dass nicht nur wir diesen Bedarf haben, sondern andere Transportunternehmen auch. Seit rund drei Jahren besteht dieser und die Firmen suchen seither aktiv. Unsere Idee bestand also darin, eine einzige einheitliche Software für alle Systeme zu entwickeln – und vor allem nicht abzuwarten, bis die Telekommunikation regulatorisch vereinheitlicht wird.

Einheitlicher Telematik-Standard soll völlig neue Erkenntnisse ermöglichen
Praktisch völlige Telemetrie ist ja bereits serienmäßig in modernen Lkw vorhanden. Es fehlt jedoch der einheitliche Standard – diesen Trend haben viele Anbieter verschlafen. Wir wollen diesen Standard gemeinsam mit unserem Partner plan.net kreieren. Wir haben die Fertigstellung und Marktreife der Software für September 2015 geplant. Was werden die großen Vorteile sein? Das System wird das Beste aus allen Telematiksystemen vereinbaren. Der Disponent, die Sachbearbeiter und die Chefs werden nur noch mit einem anstatt fünf oder mehr Systemen arbeiten. Wir werden echte Datenvergleichbarkeit herstellen können und die Daten auch kundenspezifisch aufbereiten. Die Nutzer werden all das sehen, was sie wissen wollen und damit von mehr Übersichtlichkeit profitieren. Durch die Vergleichbarkeit sind ganz neue Erkenntnisse möglich. Wir können nun den Verbrauch und die Fahrweise eines Fahrers über mehrere Fahrzeuge nachverfolgen und vor allem auch die Einhaltung der Lenkzeiten überblicken. Aber auch Waren werden wir besser verfolgen können. Die großen Softwareanbieter stellen uns Tools wie Karten zur Verfügung, hier stehen wir in enger Partnerschaft. Die Fahrer arbeiten mit ihrer spezifischen Oberfläche im System, was einen Zeit- und Effizienzgewinn darstellt. Wichtig ist, dass unser Produkt für einen einmaligen Preis verfügbar sein wird, ohne weitere oder versteckte Kosten. Auf diese Weise haben die Frächter klare Kosten vor Augen und Planungssicherheit. Dafür muss keine neue Hardware angeschafft werden, die bestehenden Systeme müssen nicht ausgetauscht werden. Unsere Software läuft geräte- und fahrzeugunabhängig. Es entstehen also weder zusätzliche Gerätekosten noch Kosten durch Standzeiten für den Einbau.

Die Digitale Transformation des Transportwesens ermöglicht Geschäftsmodelle der Zukunft – „Telematik 4.0“ kommt
Die Wirtschaft durchläuft eine nie dagewesene digitale Transformation und die großen Softwarekonzerne geben die Geschäftsmodelle der Zukunft vor – ein Stichwort ist hier Industrie 4.0. Dabei handelt es sich um weitaus mehr als das Internet der Dinge. Es geht auch um Prozesse, die neues Geschäft ermöglichen. Der aktuelle Trend heißt Big Data Visualization. Er basiert auf dem Sammeln von Daten, wie Facebook das seit Längerem tut. Dieser nächste Evolutionsschritt befasst sich jedoch damit, die Datenmassen zu interpretieren und darauf Businessmodelle aufzubauen. Den Benutzern werden „reduced to the max“ Uses Case spezifisch Informationen dargestellt. Viele neuartige Dienstleistungen können damit entwickelt werden. Das kann man heute noch gar nicht alles abschätzen. Dies schafft ungeahnte Möglichkeiten, neue Kunden zu gewinnen und bestehende zu halten und auszubauen.

Erwartungen an die Politik, an Fahrzeughersteller sowie an Zulieferer
Ich wünsche mir von der Politik, dass sie weiterhin so langsam wie bisher tickt und wir ihr damit immer einen Schritt voraus sind. Wir haben einfach keine Erwartungen mehr, dass von dort etwas Hilfreiches kommt. In der Theorie wünschenswert wäre es selbstverständlich, wenn Frächter bei Innovationen besser gefördert würden. Das gibt es in anderen Branchen viel stärker. Und im Silicon Valley hätte man Millionen zur Verfügung. Wir möchten jedoch gerne den Kontakt zu den Produktentwicklern und IT-Experten von Herstellern und Zulieferern weiter ausbauen um gemeinsam mit ihnen Hochtechnologie-Themen anzugehen. Ein Mehr an Dialog in der Branche wäre gewinnbringend für alle. Die Initiative Driving Ahead kann dafür den Grundstein legen.

Erwartung der Geschäftslage / strategischer Ausblick
Wir agieren und entwickeln uns praktisch unabhängig von der allgemeinen Marktentwicklung und verfolgen unsere 10-Prozent-Pro-Jahr-Wachstumsstrategie unbeirrt. Bis zum Jahr 2020 wollen wir uns auf 300 und bis 2030 auf 1.000 Fahrzeuge vergrößern.

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