Interview mit Flurin Wieser

Betriebsleiter/Geschäftsführer, Montebello AG, Pontresina, Schweiz


Montebello AG, Pontresina

• Unternehmensgründung: 1958

• Unternehmenssitz: Pontresina

• Standorte: Pontresina

• Fuhrpark: 12 LKW

• Mitarbeiter: 28

• Leistungsspektrum: Transport des selbst hergestellten Kies und Betons (regional, Umkreis von 20 km)

• Homepage: www.montebello.ch


Definition der wichtigsten Zukunftsthemen: Kraftstoffkosten, Fahrermangel, veränderte Kundenwünsche und die Auswirkungen von Regularien
Beim Kraftstoff stimme ich zu, trotz aktuell niedrigerer Preise. Auch in Sachen immer anspruchsvollerer Kundenwünsche sowie Auswirkungen von Regularien – auch wenn diese hier bei uns in der Schweiz, vor allem bei einem lokalen Geschäftsfokus – nicht direkt durch die EU geprägt sind. Aber von einem Fahrermangel kann bei uns hier im Süden der Schweiz nahe der italienischen Grenze und fernab der Metropolregionen keine Rede sein: Es gibt ein großes Angebot an sehr guten, hochqualifizierten Fahrern.

Insgesamt ist das Kostenthema in all seinen Facetten das erfolgskritischste für uns. Die Gewinnmargen sind auch in der Schweiz niedrig. Die Preise liegen zwar absolut verglichen höher als beispielsweise in Deutschland, das gilt aber gleichermaßen für die Kosten. Kostentreiber sind bei uns vor allem gesetzliche Vorgaben.

Hürden trotz Fahrer-Überangebot
Gesetzlich vorgeschriebene Schulungen: Wir bieten wie viele andere den Fahrern gesonderte interne Schulungen an, das ist vollkommen ausreichend. Zusätzlich haben die Fahrer jedes Jahr noch einen Tag eine gesetzlich vorgeschriebene Schulung zu absolvieren. Diese sind sehr teuer und führen zu Abwesenheiten des Fahrpersonals.

Vorschriftendschungel: Der Aufwand zur Erlangung des LKW-Führerscheins wird immer grösser und somit wird der Schein auch teurer. Man muss schon mit gut 10‘000 Fr. rechnen. Mein Sohn hat den Lkw-Führerschein beim Militär gemacht, kostenlos – aber das heißt noch lange nicht, dass er jetzt sofort Transporte fahren dürfte. Bevor er mit einem beladenen Lkw unterwegs sein darf, muss er eine zusätzliche, zivile Schulung absolvieren und eine Prüfung ablegen. Das ist zeitaufwändig, geht ins Geld und ist meiner Ansicht nach schlichtweg sinnlos.

Maßnahmen zur Senkung des Kraftstoffverbrauchs
Kraftstoff ist aktuell zwar günstiger, aber dennoch ein bedeutender Kostenfaktor. Wir führen bereits seit Jahren umfassende Analysen zum Verbrauch durch und schulen unsere Fahrer intensiv zum Thema Effizienz. Zum Maßnahmenpaket zählt auch, dass wir kraftstoffsparende Fahrzeuge und Reifen einsetzen.

Leistungsabhängige Schwerverkehrsabgabe (LSVA) sorgt für junge Flotte – das Schweizer Volk ist streng in Sachen Umweltverträglichkeit – LSVA fungiert wie Maut
Die in der Schweiz gültige leistungsabhängige Schwerverkehrsabgabe – kurz LSVA – sorgt automatisch dafür, dass es sich lohnt, in höhere Klassen bis zu Euro 6 zu investieren. Die meisten unserer Fahrzeuge sind Euro 5, zwei bereits Euro 6. Die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache: Für einen Euro 6 LKW mit 40 Tonnen Gesamtgewicht kostet die LSVA an Abgaben pro Kilometer 82 Rappen, rund 25 Rappen weniger als für einen Euro 3.

Die Schweizer haben sich per Volksentscheid dafür ausgesprochen, dass die LSVA einen sehr schnellen Austausch der Flotte mit Euro 6-Neufahrzeugen erforderlich macht. Erst vor drei Jahren habe ich noch ein Euro 5-Fahrzeug angeschafft. Nun schon wieder auszutauschen ist ökonomisch aber auch ökologisch nicht sinnvoll. Die Schritte sind zu stark, die finanzielle Belastung für uns ist so zu hoch. Ein neues Auto sollte fünf bis sechs Jahre in der niedrigsten Steuerkategorie fahren können. Ein Euro 3-Fahrzeug kann ich heute praktisch nicht mehr veräußern.

Die leistungsabhängige Schwerverkehrsabgabe fungiert wie eine Maut. Und zwar nicht nur auf der Autobahn oder auf Bundesstraßen, sondern für jeden gefahren Kilometer, überall. Diese Kosten von mehreren hundert Franken pro Tag und Fahrzeug müssen wir natürlich einkalkulieren.


Kunden erwarten mehr für weniger Geld
Die Kundenansprüche steigen in der Tat kontinuierlich. Die Kunden erwarten mehr Leistung – beispielsweise werden Wartezeiten nicht mehr bezahlt – und das bei niedrigeren Preisen. Diese Entwicklung hat natürlich signifikante Auswirkungen auf das Geschäft.

Schweiz steht der EU in Sachen Regulierung in nichts nach
Auch in der Schweiz wird viel und immer mehr reguliert – sie steht der EU dabei in nichts nach. Ganz im Gegenteil: bei uns gelten praktisch EU-Vorschriften, nur strenger. Beispielsweise die Abgasvorschriften werden von der EU übernommen – und das sogar früher und verschärft. Die Transport-Lizenz für Lkw-Fahrer ist ebenfalls ein Beispiel für die hiesige Regulierungswut.

Ein ganz extremes Beispiel sind die Vorschriften für die Motorfahrzeugkontrolle – kurz MFK – der Schweiz, für welche das Straßenverkehrsamt des jeweiligen Kantons zuständig ist. Lkw und alle gewerblichen Fahrzeuge unterliegen einer jährlichen Kontrolle. Das gilt auch für Neufahrzeuge. Wir fahren also tatsächlich jedes Jahr auch mit nagelneuen Fahrzeugen bei den Prüfstellen für eine 2-stündige Kontrolle vor. Das bedeutet für uns: es entstehen Kosten für die Prüfung durch den Dienstleister, es entstehend Kosten durch unser eingebundenes Personal und wir haben einen Ertragsausfall, da das Fahrzeug praktisch einen vollen Tag nicht eingesetzt werden kann. Dafür gehen hunderte Franken drauf.

Zustand der Verkehrswege in der Schweiz in Ordnung aber ausbaufähig
Der Zustand der Verkehrswege in der Schweiz ist soweit akzeptabel, wir haben recht gute Straßen im Vergleich. Es wird aber dennoch zu wenig investiert. Insgesamt sinkt die Qualität der Straßen. Das ist ein Dauerthema, vor allem bei den Autobahnen. Leider liegt der Fokus der staatlichen Investitionen sehr stark auf der Bahn, dabei gerät der Straßengütertransport ins Hintertreffen. Weitere und höhere Investitionen sind meiner Ansicht nach nötig. Es wird jedoch schwierig, dies politisch durchzusetzen. Lkw haben keinen guten Stand beim Volk, hier sind wir im Nachteil.

Einschätzung zur zukünftigen Bedeutung bahnbrechender Innovationen wie neuen Antriebstechnologien sowie dem Autonomen Fahren
Ich bin davon überzeugt, dass neue Technologien wie das Autonome Fahren das Transportwesen revolutionieren werden, aber vermutlich erst in 20 Jahren. Für mich sind aktuell die kleinen Entwicklungsschritte, insbesondere hinsichtlich der Steigerung von Effizienz, viel spannender und relevanter.

Erwartung der Geschäftslage 2015/2016
Wir sind hauptsächlich in einer tourismusabhängigen Landregion aktiv und leider entwickelt sich der Tourismus derzeit eher zurück. In den Metropolregionen ist das anders. Somit ist der Ausblick insgesamt dennoch positiv.

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