Interview mit Wolfgang Schneckenreither

Mitglied der Geschäftsführung, Internationale Spedition Schneckenreither Gesellschaft m.b.H., Ansfelden, Österreich


Internationale Spedition Schneckenreither Gesellschaft m.b.H.

• Unternehmensgründung: 1970

• Unternehmenssitz: Ansfelden (bei Linz), Österreich

• Standorte: 6 in Österreich und 3 im Ausland

• Mitarbeiterzahl: 450

• Fuhrpark (Flottenzusammensetzung+Größe): 150 Lkw + 30 Kleinbusse

• Schwerpunkte des Geschäfts: Transport + Logistik

• Homepage:
www.schneckenreither.com

Schneckenreithe LKW


Was sind aus Ihrer Sicht heute und in den nächsten fünf Jahren die wichtigen zukunftsrelevanten Themen der Nfz-Branche und aus welchen Gründen?
Ressourcenschonung, Senkung des Kraftstoffverbrauchs, Kostenoptimierung oder Telematik sind immer noch aktuelle Themen. Besonders beschäftigt uns jedoch der Fahrermangel. Dies können sicher viele andere Speditionen bestätigen. Hinzufügen möchte ich das Thema der gesetzlichen Rahmenbedingungen. Jedes Land hat andere Vorschriften; diese Situation macht unser tägliches Geschäft immer schwieriger. Ein Beispiel dafür ist die unterschiedliche Gesetzgebung hinsichtlich des Mindestlohns in Ländern wie Österreich, Deutschland oder Frankreich, die für uns einen höheren Administrationsaufwand mit sich bringt.

Zu mehr Bürokratie führt auch das mit 1. Juli 2017 in Österreich eingeführte „Verkehrsunternehmensregister“, das alle Verkehrsverstöße eines Unternehmens zentral erfasst und sammelt. Dazu gehören auch Verstöße bei der Fahrzeugtechnik wie eine defekte Lampe. Je nach Anzahl der Zuwiderhandlungen stuft das Register die Unternehmen in eine bestimmte Risikoklasse ein. Dies kann dazu führen, dass ein Spediteur bzw. Transporteur seine Konzession verliert, sofern er nicht selbst alle Pflichtverletzungen seiner Fahrer auf dem Schirm hat – für uns ein enormer Zusatzaufwand.

Wie gehen Sie mit diesen Themen in Ihrem Unternehmen um, welche Maßnahmen haben Sie ergriffen bzw. planen Sie zu ergreifen?
Um alle Verkehrsverstöße gemeldet zu bekommen, setzen wir auf die unmittelbare Kommunikation mit den Fahrern sowie ein gutes Vertrauensverhältnis. Deshalb stehen wir stets im engen Kontakt. Den administrativen Zusatzaufwand müssen wir abdecken, dafür haben wir eigens einen Mitarbeiter abgestellt. Um dem Fahrermangel zu begegnen, schaffen wir Anreizsysteme, dazu gehört selbstverständlich eine angemessene Bezahlung.

„Die letzte Meile“. Für wie bedeutsam halten Sie das Thema heute und in naher Zukunft?
Die letzte Meile gewinnt immer mehr an Bedeutung, parallel dazu steigen die Herausforderungen. Das Volumen wächst, gleichzeitig schützen sich urbane Zentren zunehmend vor Verkehr, Lärm und Abgasen. Die Schiene ist keine vollständige Alternative, weil man damit die Zustellung auf der letzten Meile nicht realisieren kann. Hier ist die Politik gefordert, Lösungen zu finden.

Worin liegen Ihrer Meinung nach die Herausforderungen des urbanen Gütertransports im Allgemeinen und in der direkten Anlieferung zum Kunden im Speziellen?
Die größte Herausforderung für unser Unternehmen sind die unterschiedlichen Fahrverbote. Als Beispiel sei hier die deutsche Abgasplakette genannt oder die schon lange schwelende Diskussion um Fahrverbote auf der Inntalautobahn, der sogenannten Brennerroute. Dort gibt es unter anderem Nachtfahrverbote, Einschränkungen für gewisse Güter oder bestimmte Lkw-Schadstoffklassen. Abhilfe verspricht der im Bau befindliche Brennerbasistunnel; er soll 2026 in Betrieb gehen.

Welche Lösungskonzepte sehen Sie dafür?
Wir erwarten, dass es in Kürze Vorgaben durch die Politik geben wird, denn die heutige digitalisierte Welt erfordert eine gute Infrastruktur. Nur so kann man den Herausforderungen des zunehmenden Verkehrs begegnen.

Güterverteilzentren (GVZ) werden meines Erachtens an Bedeutung gewinnen. Dort werden die Waren gesammelt, die mit unterschiedlichen Verkehrsträgern ankommen (Lkw, Bahn, Schiff, Flugzeug) und gebündelt weiterverteilt. Dies führt zu einer besseren Auslastung der Lkw und die Wirtschaftlichkeit und das Servicelevel der Transportdienstleistung steigen. Als Teil einer City-Logistik ermöglichen GVZ, Transporte zur Versorgung der Innenstädte zusammenzufassen. In Österreich gibt diese Zentren teilweise bereits in Graz und Linz.

Wie gehen Sie das Thema „letzte Meile an?
Wir bündeln alle Warenströme, soweit es möglich ist, um unnötigen Verkehr zu vermeiden. Das ist unser Erfolgskonzept. Unsere Standorte sind infrastrukturell so in Österreich verteilt, dass wir möglichst wirtschaftlich arbeiten können und Ressourcen sparen.

Bei der Zustellung von Reifen hilft es uns, wenn wir die Gegebenheiten an der Anlieferungsstelle schon kennen. Herausforderungen wie die starken Schwankungen in den Liefervolumina lösen wir über unser zentrales Lager, von dem aus wir die Reifen distribuieren. Zudem arbeiten wir direkt in einer Planungssoftware von Goodyear, um die Disposition zu optimieren. Unsere Prozesse sind hier eng mit denen unseres Kunden verzahnt.

Dies trifft auch auf einen weiteren Auftraggeber zu, der praktisch keine Lagerhaltung mehr hat. Wir holen seine Ware direkt aus der Produktion ab und organisieren die Lagerung und die europaweite Zustellung. Dabei achten wir wiederum darauf, Lieferungen mehrerer Kunden zu bündeln, um die Ladekapazität der Fahrzeuge voll auszunutzen.

Wie schätzen Sie alternative Zustellfahrzeuge wie Drohnen, Roboter oder Lastenfahrräder ein?
Das Beispiel der Lastenfahrräder zeigt, dass sich alternative Zustellfahrzeuge durchaus bewähren können. Drohnen, Roboter und ähnliche Transportgeräte mögen uns heute noch futuristisch vorkommen, doch in einigen Jahren kann das schon ganz anders aussehen.

Für sehr interessant halte ich Ansätze, die vorhandene Infrastrukturen nutzen. Güter transportierende Straßenbahnen waren bereits in Dresden und Zürich im Einsatz und werden aktuell wieder für Berlin diskutiert. Dort sollen Waren in Containern mit der Straßenbahn zu zentralen Verteilerpunkten gebracht werden.

Welchen Stellenwert haben für Sie in diesem Zusammenhang alternative Antriebe, das autonome Fahren und Elektromobilität?
All diese Technologien sind das Ergebnis der Ressourcendiskussion. Derzeit stecken sie gerade bei den großen Lkw noch in den Kinderschuhen. Die Ladezeiten für Elektrofahrzeuge sind zu lang; es mangelt insgesamt an Konzepten zur Energiespeicherung. Dennoch erkennt man Fortschritte: Erste in Österreich produzierte e-Trucks sollen bereits 2017 innerstädtisch getestet werden.

Und auch das autonome Fahren wird sich meines Erachtens durchsetzen. Schon heute entlasten moderne Assistenzsysteme den Fahrer bei seiner Arbeit. Zukünftig wird er, ähnlich wie es heute ein Pilot tut, die Fahrt überwachen, das Steuer aber nur noch in Ausnahmefällen in die Hand nehmen.

Welche Erwartungen haben Sie an die Politik und die Kommunen sowie an Fahrzeughersteller und Zulieferer, um den Zukunftsthemen gerecht zu werden?
Ich wünsche mir, dass die Politik alle Zukunftsthemen mit Augenmaß anpackt: Keine kurzfristigen adhoc-Entscheidungen, sondern langfristige Planungen sind gefragt. Meine Hauptforderung ist aber, dass europaweit Rahmenbedingungen geschaffen werden, die uns als Verkehrsbetreiber das Geschäft erleichtern. Die Fahrzeughersteller und –zulieferer tun aus meiner Sicht bereits sehr viel. Sie erforschen und entwickeln neue Technologien, um den Zukunftsthemen gerecht zu werden.

Wie ist Ihre Erwartung für die Geschäftslage 2017/2018?
Wir sind mit der aktuellen Geschäftsentwicklung sehr zufrieden.

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