Interview mit Torsten Zimmermann

Vertriebsleiter, GHP Spedition-Lagerei GmbH, Nossen, Deutschland


GHP Spedition-Lagerei GmbH

• Unternehmensgründung: 1992, hervorgehend aus einer Partnerschaft zwischen dem Pfälzer Spediteur Walter Haaf und dem Transportunternehmer Frank Girbig, die Ursprünge des Unternehmens gehen zurück bis ins Jahr 1928

• Unternehmenssitz: Nossen (Region Lommatzsch, Sachsen)

• Mitarbeiterzahl: 65, davon 47 Kraftfahrer

• Fuhrpark (Flottenzusammensetzung + Größe): 57 Fahrzeuge (Jumbozüge mit 115m³ Ladevolumen), 27 Mitnahmestapler, 200 Wechselbrücken

• Schwerpunkte des Geschäfts: Transport von Baustoffen (Isoliermaterialien, Dämmstoffe), Verpackungen und Agrarprodukten

• Homepage:
www.jumbospedition.de

GHP Spedition-Lagerei GmbH LKW

 

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Was sind aus Ihrer Sicht heute und in den nächsten fünf Jahren die wichtigen zukunftsrelevanten Themen der Nfz-Branche und aus welchen Gründen?
Die Punkte der letzten Driving Ahead Runden sind immer noch sehr aktuell. Das Thema Service möchte ich hier besonders hervorheben. Die Anforderungen unserer Kunden werden immer höher, Lieferungen müssen immer kurzfristiger und schneller erfolgen. Ein guter Service ist dafür unerlässlich. Trotz aller organisatorischen und technischen Hilfsmittel kommt es dabei vor allem auf gutes Personal an. Deshalb gehört auch der Fachkräftemangel zu den dringlichsten Problemen unserer Branche. Das zieht sich durch alle Bereiche – nicht nur gute Kraftfahrer fehlen, sondern auch qualifiziertes Personal für Lager und Büro.

Wie gehen Sie mit diesen Themen in Ihrem Unternehmen um, welche Maßnahmen haben Sie ergriffen bzw. planen Sie zu ergreifen?
Um dem Fachkräftemangel zu begegnen, bilden wir selbst aus und führen zahlreiche Maßnahmen zur Fahrer- und Nachwuchsakquise durch. Auch versuchen wir unser bestehendes Personal durch angemessene Entlohnung, Freizeitausgleich oder Überstundenvergütung und einen ansprechenden Fahrerarbeitsplatz zu halten. Hier ist es uns wichtig, dass wir Wertschätzung für den Mitarbeiter zeigen und nach außen tragen. Deshalb gehören auch Imagemaßnahmen in der Region dazu, wie Tage der offenen Tür oder unser Sponsoring im Jugendsport.

„Die letzte Meile“. Für wie bedeutsam halten Sie das Thema heute und in naher Zukunft?
Wenn man den Begriff letzte Meile hört, denkt man natürlich zunächst einmal an den klassischen Kurierfahrer, der ein Paket an die Haustür bringt. Unser Geschäft ist es, mit unseren großen Lkw bis in die Innenstädte zu fahren, um unsere Kunden mit Baumaterialien zu beliefern. So gesehen sind auch wir auf der letzten Meile unterwegs.

Die Innenstadtlogistik, wie wir es nennen, ist ein wichtiges Thema und ihre Bedeutung wird noch weiter wachsen. Was mit der Just-in-Time-Lieferung für die Automobilproduktion begann, zieht sich heute durch alle Branchen: Waren werden immer weniger gelagert, sondern termingenau direkt beim Kunden angeliefert. Das Geschäft wird immer schneller und die Reaktionszeiten immer kürzer. Diesen zunehmenden Herausforderungen können wir nur mit ausgeklügelter Logistik und Organisation begegnen.

Worin liegen Ihrer Meinung nach die Herausforderungen des urbanen Gütertransports im Allgemeinen und in der direkten Anlieferung zum Kunden im Speziellen?
Wir beobachten mit Besorgnis, dass in immer mehr Metropolen Europas die Einfahrt mit Lkw nur noch eingeschränkt möglich ist. Nach Paris zum Beispiel dürfen Fahrzeuge, wie wir sie einsetzen, tagsüber nicht mehr hineinfahren. Diese Maßnahmen dienen dem Schutz der Menschen und der Umwelt, für uns als Logistikunternehmen stellen sie jedoch erhebliche Herausforderungen dar. Wir müssen unsere Lieferungen in diese Städte sorgfältigst planen und vorbereiten und uns mit den jeweiligen Regularien und Vorschriften jeder einzelnen Kommune vertraut machen, was für uns einen erheblichen administrativen Aufwand bis hin zum Wissensmanagement bedeutet.

Spielt für Sie auch das Thema terminierter Versand respektive Anwesenheit des Kunden bei Lieferung eine Rolle?
Ja, es kommt tatsächlich vor, dass wir mit unserem Lkw an der Baustelle stehen und es ist niemand vor Ort, der die Ware entgegennehmen kann. Dem steuern wir entgegen, indem wir aktiv mit dem Kunden zusammenarbeiten, die Ware rechtzeitig avisieren. Ist trotzdem keiner da, müssen Alternativen gefunden werden, zum Beispiel das Lager des Händlers.

Welche Lösungskonzepte sehen Sie dafür?
In unserem konkreten Fall müssen die Empfänger der Ware stärker aufgeklärt und mit in die Lieferung einbezogen werden. Viele Kunden bestellen heutzutage ihre Dämmstoffe online. Häufig machen sie sich jedoch keine Vorstellung, welche Masse da bei ihnen angeliefert wird. Sie sind oft völlig überrascht, wenn ein großer Lkw bei ihnen vor der Tür steht. Mittlerweile haben dies auch einige unsere Auftraggeber erkannt: Sie unterstützen uns, indem sie schon während des Verkaufsprozesses die Anlieferbedingungen anhand von Checklisten überprüfen und dem Empfänger Informationsflyer zur Verfügung stellen. Hier gilt es, diese Informationskampagne noch zu intensivieren, damit auch der private Online-Käufer erreicht wird.

Wie gehen Sie das Thema „letzte Meile an?
Die Spedition GHP ist Spezialist für die Anlieferung von Dämmmaterialien für die Altbausanierung und hat sich dabei auf die Innenstadtlogistik spezialisiert. Hier fahren wir zum Beispiel in Berlin zahlreiche Baustellen an. Um diesen schwierigen Transportweg nicht mit einem 40-Tonner zurücklegen zu müssen, entladen wir unsere Fahrzeuge mit sogenannten Motorwagenstaplern, die wir variabel sowohl am Zugfahrzeug als auch am Anhänger anbringen („Hook-on-System“). Die Anhänger koppeln wir meist vor der Stadt ab und montieren den Stapler direkt an den Motorwagen. So müssen die Fahrer nicht mehr über 20 Meter lange Züge durch die Innenstadt manövrieren, sondern nur noch 12 Meter lange Fahrzeuge. Wir benötigen weniger Parkfläche für die Entladung und die Unfallgefahr verringert sich. Für diese Lösung ist spezielles Know-how erforderlich, unter anderem bei der Wartung der Stapler.

Wie schätzen Sie alternative Zustellfahrzeuge wie Drohnen, Roboter oder Lastenfahrräder ein?
Im urbanen Raum sind Fahrräder sicherlich eine Alternative. Allerdings wird man auch damit dem Transportvolumen nicht gerecht werden. Drohnen werden meines Erachtens aufgrund der städtischen Gegebenheiten nur eine Nischenlösung bleiben.

Ein Projekt, das eine echte Entlastung unserer Infrastruktur bringen könnte, und das ohne Lärm und Abgase, ist die sogenannte Güterrohrpost. Dabei transportieren autonom fahrende Kapseln unterirdisch Güter zu zentralen Entladepunkten. Die Umsetzung halte ich in absehbarer Zukunft für realisierbar.

Welchen Stellenwert haben für Sie in diesem Zusammenhang alternative Antriebe, das autonome Fahren und Elektromobilität?
Die Elektromobilität wird kommen – keine Frage. Ein wichtigerer Schritt auf dem Weg dahin ist die Entscheidung der Bundesregierung, schon ab Ende 2018 Versuchstrecken für Oberleitungs-Lkw in Deutschland zu betreiben.

Ein sehr spannendes Thema – auch mit Blick auf den Fachkräftemangel – ist das autonome Fahren. Bis sich dies im Lkw-Bereich durchsetzt, wird es aus meiner Sicht aber noch viele Jahre dauern. Ich schätze, dass wir eher erste Platooning-Einheiten auf der Straße sehen werden.

Welche Erwartungen haben Sie an die Politik und die Kommunen sowie an Fahrzeughersteller und Zulieferer, um den Zukunftsthemen gerecht zu werden?
Um die Innenstädte zu entlasten, müssten Politik und Kommunen Konzepte und Lösungen schaffen, die den Güterverkehr bündeln. So könnten in unserem Bereich die Lieferanten der verschiedenen Baumaterialien ihre Waren vor der Stadt an ein zentrales Lager liefern, von wo aus eine Baustelle komplett mit allen benötigten Materialien in nur einer Lieferung bedient wird. Ähnliche Entlastung könnte auch eine Zusammenarbeit der Kurier- und Expressdienste bringen.

Im Fernverkehr würde ich mir wünschen, dass Regularien und Vorschriften europaweit harmonisiert werden. Der Verwaltungsaufwand ist heute nämlich schon enorm. Wären zudem Lang-Lkw mit ihrer hohen Nutzlast auf allen Straßen zugelassen, würde die Umwelt geschont und Gesamtverkehr entlastet.

Und zu guter Letzt: Wir müssen den Beruf des Kraftfahrers wieder mehr wertschätzen. Dazu benötigen wir von Seiten der Politik mehr und bessere Park- und Pausenflächen, die gut ausgebaut sind und über vernünftige Sanitäranlagen verfügen.

Wie ist Ihre Erwartung für die Geschäftslage 2017/2018?
Wir sehen für die kommenden beiden Jahre großes Potenzial. Dies wollen wir durch Investitionen wie den Ausbau des Fuhrparks nutzen. Gewinner wird sein, wer dieses Potenzial nutzen kann und die Kapazitäten auf die Straße bringt. Dazu gehören auch Lösungen für den Fahrermangel.

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