Interview mit Sebastian Haßler

Geschäftsführer, INTERKEP GmbH, Taufkirchen, Deutschland


INTERKEP GmbH

• Unternehmensgründung: 2003, entstanden aus dem Bereich medical logistics (1975)

• Unternehmenssitz: Taufkirchen bei München

• Standorte: 5 (plus ca. 100 Zustelldepots)

• Mitarbeiterzahl: über 500 Angestellte (Vollzeit, Teilzeit, Minijob)

• Fuhrpark (Flottenzusammensetzung+Größe): 250 – 350 Vans und Cars, 30 Cargo Bikes sowie E-Vans und E-Bikes

• Schwerpunkte des Geschäfts: KEP, Last Mile, Same Day Delivery, Fulfillment (Lagerhaltung, Verpackung, Versand für Online-Shop-Betreiber), Netzwerk, Aviation Services

• Homepage:
www.interkep.info

INTERKEP LKW


Was sind aus Ihrer Sicht heute und in den nächsten fünf Jahren die wichtigen zukunftsrelevanten Themen der Nfz-Branche und aus welchen Gründen?
Solange wir fossile Brennstoffe einsetzen, werden Punkte wie Ressourcenschonung und Senkung des Kraftstoffverbrauchs aktuell bleiben.

Wir befinden uns gerade in einer Übergangsphase zur Elektromobilität. Hier sind viele Fragen noch nicht geklärt, so sind zum Beispiel die Rahmenbedingungen hinsichtlich der Förderung von E-Fahrzeugen von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich. Gleiches gilt für die Konzepte für die Ladeinfrastruktur. Auch können wir derzeit nicht abschätzen, welchen Wert diese Fahrzeuge als Gebrauchtwagen haben wird. Betriebswirtschaftlich vorauszuplanen ist deshalb sehr schwierig.

Digitalisierung wird in den nächsten fünf Jahren ein großes Thema sein, insbesondere hinsichtlich der Regularien zur Dokumentation von Arbeitszeit und Fahrzeiten.

Ein weiterer Punkt ist der Personalmangel. Er beschäftigt uns schon lange, und wird auch in Zukunft aktuell bleiben. Viele Möglichkeiten, qualifiziertes Personal zu finden, haben wir bereits ausgeschöpft.

Wie gehen Sie mit diesen Themen in Ihrem Unternehmen um, welche Maßnahmen haben Sie ergriffen bzw. planen Sie zu ergreifen?
Als Mittelständler müssen wir einen praktikablen und bezahlbaren Weg finden, Trends frühzeitig zu erkennen und abzuschätzen, ob sie für uns relevant sind. Wichtig ist es uns dabei, dass in unserem Management ein guter Mix an Kompetenzen vorhanden ist. Wir brauchen alles, sowohl den Bewahrer als auch den Visionär.

Beispiele für aktuelle Maßnahmen sind unsere Cargobikes, mit denen wir zu bestimmten Zeiten effizienter liefern können oder unsere digitale Plattform zur Einsatzplanung unseres Zustellpersonals. Dazu hat jeder Fahrer eine App auf dem Smartphone oder Tablet, mit der er Touren annehmen oder ablehnen kann.

Außerdem entwickeln und vertreiben wir über die „Better Future GmbH“ eMobilitätslösungen, die eigens für den Bedarf von Handel und Logistik entwickelt wurden.

„Die letzte Meile“. Für wie bedeutsam halten Sie das Thema heute und in naher Zukunft?
Die letzte Meile ist ohne Frage ein sehr bedeutsames Thema. Der E-Commerce boomt, die Nachfrage ist enorm und das Bestell- und Liefervolumen wird noch weiter zunehmen. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an die Liefergeschwindigkeit (Stichwort: Same Day) und die Lieferungen werden immer kleinteiliger.

Worin liegen Ihrer Meinung nach die Herausforderungen des urbanen Gütertransports im Allgemeinen und in der direkten Anlieferung zum Kunden im Speziellen?
Regulierungen halte ich für durchaus sinnvoll – manchmal sind sie als dezentes Druckmittel nötig, damit sich intelligente neue Konzepte überhaupt entwickeln.

Viele der genannten Herausforderungen haben wir bereits gelöst. Wir sind spezialisiert auf die ökologische letzte Meile und können mit E-Cars und Fahrrädern CO2-freie Lieferungen durchführen. Durch unsere Cargobikes kommen wir in der Rushhour schneller zum Ziel als mit einem Pkw. Ebenso setzen wir auf sogenannte Microhubs. Das sind kleine Zwischenlager. Ein Transporter versorgt sie mit Ware; unsere Cargobikes verteilen sie weiter.

Wie beurteilen Sie das Angebot des kostenlosen Rückversands?
Dieses Angebot ist ein integraler Bestandteil des Versandgeschäfts. Er ist in den meisten Fällen kaufentscheidend: Bietet der Online-Shop ihn nicht an, werden viele Kunden nicht bestellen. Für uns als KEP-Dienst bedeutet dies, dass wir intelligente Lösungen finden müssen. Der einfachste Weg ist dabei zunächst, direkt bei der Zustellung auch eine Abholung von Rücksendungen anzubieten.

Wie schätzen sie das Thema terminierter Versand respektive Anwesenheit des Kunden bei Lieferung ein?
Die Zustellung im Wunschzeitraum gehört zum Einmaleins eines KEP-Dienstleisters, das müssen wir einfach beherrschen. Treffen wir den Kunden nicht an, greift der übliche Prozess. Wir versuchen die Ware beim Nachbarn abzugeben oder bringen sie zurück zum Paketshop.

Welche Lösungskonzepte sehen Sie dafür?
Schon heute arbeiten wir mit Paketumleitungen und individuellen kurzfristigen Terminanpassungen, mit alternativen Ablageorten und Warenschleusen, die mit einem elektronischen Zugang gesichert sind, so dass sie nur vom Zusteller und dem Empfänger geöffnet werden können. Eine kreative Lösung bietet wir im Bereich der Quartierlogistik an. Hier werden die Lieferungen der verschiedenen Paketdienste im City Depot gesammelt und von nur noch einem Zustelldienst gebündelt zum Wunschtermin zum Kunden gebracht. Mit Hilfe einer App kann sich so ein kompletter Haushalt versorgen und sich tägliche Einkäufe gebündelt liefern lassen.

Wie gehen Sie das Thema „letzte Meile an?
Der Transport auf der letzten Meile ist unser Kerngeschäft. Wir punkten dabei je nach Kunde und Anforderung durch unseren differenzierten Fuhrpark. Für jede Transportlösung haben wir das richtige Fahrzeug und das richtige Konzept. In Städten wie München hat jedes Stadtteil und jedes Quartier seine eigenen Anforderungen. Darauf stellen wir uns ein. Warum sollten wir nicht in bestimmten Stadtteilen, in denen wir die Empfänger tagsüber selten persönlich antreffen, nur noch abends liefern?

Und an erster Stelle steht bei uns der Mensch, der Zustellfahrer, der serviceorientiert und nervenstark sein muss. Er fährt ja nicht nur die Ware aus, sondern ist auch die direkte Schnittstelle zum Empfänger. Dabei achten wir auf angemessene Bezahlung und Arbeitsbedingungen.

Wie schätzen Sie alternative Zustellfahrzeuge wie Drohnen, Roboter oder Lastenfahrräder ein?
Lastenfahrräder eignen sich natürlich nicht für die Langstrecke. Wir setzen sie im Innenstadtbereich ein, für einen bestimmten Typ von Sendungen in einem Nischenbereich. Auch Drohnen sehe ich nur für spezielle Einsatzzwecke – eher auf dem Land, in abgelegenen Gegenden. Was den Einsatz von Robotern angeht, ebenso wie beim autonomen Fahren, besteht noch viel Entwicklungs- und Klärungsbedarf, unter anderem in der Frage, wie das Zusammenspiel mit dem Individualverkehr funktionieren wird.

Welchen Stellenwert haben für Sie in diesem Zusammenhang alternative Antriebe, das autonome Fahren und Elektromobilität?
Elektrisch angetriebene Fahrzeuge sind für uns natürlich sehr interessant, denn unsere Touren liegen meist im Rahmen einer Reichweite von 70 – 80 km. Aber leider ist die Auswahl an Fahrzeugen noch sehr gering. Es gibt zurzeit am Markt keinen geeigneten E-Van in der KEP-Klasse.

Das autonome Fahren sehe ich zunächst nur als Unterstützung und Entlastung der Fahrer. Ersetzen wird es den Fahrer jedoch nicht.

Welche Erwartungen haben Sie an die Politik und die Kommunen sowie an Fahrzeughersteller und Zulieferer, um den Zukunftsthemen gerecht zu werden?
Wie zuvor erwähnt, wünschen wir uns, dass die Hersteller elektrisch angetriebene Fahrzeuge in Van-Größe anbieten. Auch die gesamte Infrastruktur zur Ermöglichung der E-Mobilität ist noch nicht vorhanden.

Wenn Regulierungen durch Politik oder Kommunen notwendig sind, um Lärm, Verkehrsbelastung und Emissionen zu reduzieren, dann sollte dies mit Weitblick und Konzept geschehen. Ein Stufenplan für einen Fünf- bis Zehnjahreszeitraum würde uns helfen, vorausschauend zu planen.

Wie ist Ihre Erwartung für die Geschäftslage 2017/2018?
Interkep schaut sehr positiv in die Zukunft; wir erwarten ein weiteres gesundes Wachstum. In den letzten zweieinhalb Jahren haben wir unseren Umsatz und die Mitarbeiterzahl vervielfacht, weil wir Großkunden „auf der letzten Meile“ gewinnen konnten und unsere überregionalen Wachstumspläne aufgehen.

Im boomenden Online-Geschäft werden sich vor allem Unternehmen bewähren, die die Herausforderungen der Branche annehmen, den Markt durch die Kundenbrille sehen und kreative Lösungen finden.

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