Interview mit Klaus Roeser

Geschäftsführer, Paul Schockemöhle Logistics Gruppe, Mühlen, Deutschland


Paul Schockemöhle Logistics Gruppe

• Unternehmensgründung: 1966

• Unternehmenssitz: Mühlen (im Oldenburger Münsterland, zwischen Osnabrück und Bremen

• Standorte: 15

• Mitarbeiterzahl: 770 (inkl. 75 Auszubildende)

• Fuhrpark (Flottenzusammensetzung+Größe): 300 ziehende Einheiten

• Schwerpunkte des Geschäfts: Straßengütertransport (Lebensmittel, Baustoffe, Reifen, Chemie, Automotive, Konsumgüter), Kontraktlogistik, Warehousing

• Homepage:
www.schockemoehle.de

Schockenmoehle LKW


Was sind aus Ihrer Sicht heute und in den nächsten fünf Jahren die wichtigen zukunftsrelevanten Themen der Nfz-Branche und aus welchen Gründen?
Punkte wie Kostenoptimierung, Bedeutung von Services oder Ressourcenschonung sind nach wie vor aktuell. Der Fachkräftemangel beschäftigt uns besonders und wird es auch in Zukunft tun. Die Problematik zieht sich inzwischen durch alle Unternehmensbereiche, vom Auszubildenden, den Berufskraftfahrern und Warehousemitarbeitern bis hin zur IT.

Neu hinzufügen möchte ich das Thema „IT 4.0“. Dieser Begriff steht bekanntlich für die Digitalisierung der gesamten Prozesskette. Wichtig dabei ist es, nicht einzelne Teilaspekte der Prozesskette herauszugreifen, sondern sie in der Gesamtheit zu betrachten. So bilden Punkte wie die durchgängige IT Anbindung an die Kunden, das Controlling in Echtzeit, die lückenlose Telematik, Tracking und Tracing sowie das beleglose Büro nur einige Beispiele.

Zudem befassen wir uns intensiv mit dem 3D-Druck, denn diese neue Technologie führt zu veränderten Warenströmen und Anforderungen an die Logistikbranche. Im Bereich der Medizintechnik werden bereits heute ein Großteil aller Hörgeräte im 3D-Druck-Verfahren hergestellt. Namhafte Globalplayer aus den Bereichen der Schienen- und Luftfahrt stellen dringend benötigte Ersatzteile über den 3D-Drucker her. Der erste Schritt vom Prototyping hin zu konsequentem Produkteinsatz ist getan. In Zukunft müssen wir gewisse Produkte nicht mehr um die halbe Welt transportieren, weil wir sie nahe beim Endnutzer ausdrucken können. Sollte sich in diesem Zusammenhang die Denkweise vieler Einkäufer weg von der reinen Stückkostenbetrachtung hin zu der Frage des „total cost of ownership“ entwickeln, werden wir hier kurzfristig starke Wachstumstendenzen feststellen. Dadurch wird aber auch der individuelle Lieferverkehr – also der Verkehr auf der „letzten Meile“ – zunehmen. Die physische Bevorratung von Ersatzteilen verliert damit an Bedeutung. Generell sehen wir hier aber durchaus neue Geschäftschancen.

Wie gehen Sie mit diesen Themen in Ihrem Unternehmen um, welche Maßnahmen haben Sie ergriffen bzw. planen Sie zu ergreifen?
Dem Fahrermangel begegnen wir, indem wir schon seit Jahren selbst ausbilden. Einen Auflieger haben wir eigens mit einem Fahrsimulator ausgestattet und fahren damit zu den Haupt- und Realschulen, um die Schüler für das Berufsbild des Berufskraftfahrers zu begeistern.

Auf dem Weg zur IT 4.0 gilt es, die Mitarbeiter auf allen Ebenen mitzunehmen. Sie müssen überzeugt und geschult werden, damit sie sich nicht nur mit den neuen Systemen auskennen und identifizieren, sondern auch ihre Vorteile nachhaltig nutzen, denn ihre Arbeitsplatzstrukturen werden sich verändern.

Und bei Zukunftsthemen wie dem 3D-Druck versuchen wir, Entwicklungen zu antizipieren und uns darauf einzustellen. Deshalb haben wir uns der Initiative „Mobility goes additive“ angeschlossen, ein internationales Netzwerk unter Federführung der Deutschen Bahn, das sich mit den Möglichkeiten der additiven Fertigung (also dem 3D Druck) und deren Herausforderungen für die Mobilitäts- und Logistikbranche auseinandersetzt.

„Die letzte Meile“. Für wie bedeutsam halten Sie das Thema heute und in naher Zukunft?
Ich halte dies für ein Schlüsselthema – und einen Erfolgsfaktor für Logistikunternehmen: Wer den Transport auf der letzten Meile effizient beherrscht, ist ganz vorn mit dabei.

Worin liegen Ihrer Meinung nach die Herausforderungen des urbanen Gütertransports im Allgemeinen und in der direkten Anlieferung zum Kunden im Speziellen?
Dies kann ich kurz und knapp in einem Satz zusammenfassen: Für Unternehmen wie uns liegt die Herausforderung im Handling, im Timing und in der Kosteneffizienz bei gleichzeitig immer steigenden Restriktionen.

Aus meiner Sicht haben wir es hier mit einem gesellschaftlichen Zielkonflikt zu tun. Die Kunden möchten umgehend ihre Ware erhalten und dies möglichst bis an die Türschwelle. Auf der anderen Seite wollen sie das erhöhte Verkehrsaufkommen, den Lärm und die Emissionen genauso wenig in Kauf nehmen wie zeitliche Einschränkungen.

Wie gehen Sie das Thema „letzte Meile an?
Wann immer wir mit dem Kunden in Kontakt sind, sprechen wir von der letzte Meile. Unsere Lösungansätze differenzieren dabei sehr stark je nach Geschäftsbereich. Wir entwickeln passgenaue Konzepte für die Anforderungen des jeweiligen Kunden und dessen Produkte.

Für einen unserer Auftraggeber liefern wir beispielsweise Bausätze für Gartenhäuser an Privathaushalte. Aufgrund der Größe der Ware benötigen wir dafür einen Lkw. Routenplanung und Terminvereinbarung werden von unserer Disposition zentral abgewickelt, aber vor Ort hat der Fahrer weit mehr zu tun als nur zu liefern: Er muss sein Produkt kennen, er übernimmt administrative Aufgaben, muss sich die Lieferung bestätigen lassen oder klären, was zu tun ist, wenn er niemanden antrifft oder die Ware defekt ist. Er vertritt nicht nur uns als Transportunternehmen, sondern repräsentiert auch den Hersteller der Gartenhäuser. Unser Fahrer wird also zum „Last-Mile-Manager“, ein gut geschulter, kompetenter und motivierter Mitarbeiter.

Bei der Lieferung von Reifen zu den Händlern stellt sich die Situation ganz anders dar. Wir finden feste Strukturen vor. Der Fahrer kennt die Routen und Anlieferpunkte. Aber auch hier ist er als kompetenter Mitarbeiter gefragt, der weiß, welche Ware er transportiert, der digitale Hilfsmittel bedienen und Termine einhalten kann und muss.

Spielt für Sie auch das Thema terminierter Versand respektive Anwesenheit des Kunden bei Lieferung eine Rolle?
Um beim Beispiel der Gartenhäuser zu bleiben: Ja, auch in diesem Fall spielt dies eine Rolle. Es muss zwingend jemand die Ware entgegennehmen und der Lieferort sollte für unsere Fahrzeuge zugänglich sein. Gleiches gilt aber auch für die Reifenfeinverteilung.

Welche Lösungskonzepte sehen Sie dafür?
Da kommt wieder der Fahrer als „Last-Mile-Manager“ ins Spiel: Das Gartenhaus zum Beispiel wird von unserer Disposition beim Kunden avisiert und der Liefertermin im Vorfeld vereinbart; trotzdem telefoniert der Fahrer etwa eine halbe Stunde vorher mit dem Kunden und kündigt seine Ankunft an. Eine wichtige Rolle spielt dabei die IT und die Vernetzung. Lieferungen werden immer quittiert und über unser System direkt an unsere Dispo und auch den Auftraggeber übermittelt. Sollte der Abnehmer tatsächlich nicht vor Ort sein, muss der Fahrer mit der Dispo und dem Auftraggeber die weiteren Schritte abstimmen, und im Zweifelsfall dokumentieren können, dass er versucht hat, das Gartenhaus zum vereinbarten Zeitpunkt zu liefern.

Wie schätzen Sie alternative Zustellfahrzeuge wie Drohnen, Roboter oder Lastenfahrräder ein?
Ich gehe nicht davon aus, dass sich die Drohne im Massengeschäft durchsetzen wird. Vorübergehend könnten Lastenfahrräder im Innenstadtbereich eine intelligente Lösung sein, um den immer kleinteiligeren Strukturen gerecht zu werden, genauso wie Roboter. Hier muss man abwarten, wie sie sich technisch weiterentwickeln.

Im städtischen Raum sollten wir meiner Meinung nach zu kleineren Verteilungszentren kommen. Bündelung im Vorfeld wird der Schlüssel zum Erfolg sein und das für eine möglichst hohe Anzahl der unterschiedlichsten Produkte. Auch Paketanlagen in zentralen Wohngebieten könnten schon heute Entlastung bringen. Ausgestattet mit einer Kühlung wäre dies sogar für den wachsenden Bereich der Online-Lebensmittelbestellungen eine clevere Lösung. Warum nicht in Neubaugebieten einmal über eine clevere Rohrpostverteilung bis in die Haushalte nachdenken?

Welchen Stellenwert haben für Sie in diesem Zusammenhang alternative Antriebe, das autonome Fahren und Elektromobilität?
Bei all diesen Zukunftsthemen müssen noch viele Punkte geklärt werden.

Elektrische Antriebe halte ich für durchaus sinnvoll und angebracht. Aber auch hier sind viele Fragen offen. Kleintransporter beispielsweise werden durch die heutigen – noch sehr schweren – Akkus mit Zuladung so schwer, dass ihre Nutzlast 3,5 Tonnen übersteigt. Dadurch darf das Fahrzeug nicht mehr von einem Fahrer mit Führerschein Klasse B gefahren werden.

Welche Erwartungen haben Sie an die Politik und die Kommunen sowie an Fahrzeughersteller und Zulieferer, um den Zukunftsthemen gerecht zu werden?
Mir wäre es wichtig, dass der Zielkonflikt zwischen der Anforderung an die immer schnellere und immer kleinteiligere Lieferung einerseits und den Wünschen nach weniger Verkehr, Lärm und Abgasen andererseits erkannt und in der Öffentlichkeit stärker thematisiert wird. Die Verbraucher fordern die Leistungen der Logistik, gleichzeitig werden immer mehr Regeln in Kraft gesetzt, die die Mobilität behindern.

Des Weiteren wünsche ich mir innerhalb Deutschlands länderübergreifende Regelungen und Systeme. Man denke nur an die unterschiedlichen Fahrverbote der jeweiligen Bundesländer an verschiedenen Feiertagen, daran haben wir uns schon gewöhnt, das sollte uns auf dem digitalen Highway nicht noch einmal passieren!

Wie ist Ihre Erwartung für die Geschäftslage 2017/2018?
Grundsätzlich sehe ich die Geschäftsentwicklung positiv. Vieles hängt dabei natürlich von der politischen Großwetterlage ab und da kann ja bekanntlich mal schnell ein Gewitter aufziehen. Ein wachstumsbegrenzender Faktor ist allerdings der Fachkräftemangel.

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